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  • Katharina Dunst 2009

    Besuch am Wegesrand

    Geschinen im Obergoms liegt etwa auf einem Viertel der Luftlinie Zürich – Genua.

    Zürich nennt sich downtown Switzerland, Genua war nie etwas anderes als Stadt. Das Wallis dazwischen ist mit Grimsel-, Furka- und Nufenenpass ein Knotenpunkt und vereint in sich zwei Sprachregionen, das Französische und das Deutschschweizerische. In der Schweiz erhielt Kunst und Kultur historisch oft die Aufgabe, die zahlreichen unterschiedlichen Aspekte, Sprachen und Mentalitäten im Land zu verbinden und aus der Vielheit etwas Gemeinsames zu schaffen. Das Projekt „Querfeldein“, das auf einer Initiative der Kunsthochschulen Siders, Basel und Lugano gründet, nahm sich dafür den öffentlichen Raum vor. Nicht nur Sprachkulturen sollten in dieser Zusammenarbeit verbunden werden, die beteiligten Künstler setzen sich überdies mit den Differenzen Tradition – Fremdenverkehr oder Landwirtschaft – urbane Strukturen auseinander.

    Querfeldeingehen bedeutet im Grunde, einem Impuls der Augen mit den Füssen zu folgen und einen Ausgangspunkt mit einem Ziel schnellstmöglichst, jenseits des Weges miteinander zu verbinden. Es heisst aber auch, aufs Geratwohl, ohne Plan und Weg loszulaufen und das Vorhandene, unter die Füsse zu nehmen.

    Markus Schwander und Tina Z’Rotz bauten für „Querfeldein“ ein Haus, das all den Speichern, Ställen aber auch Wohnhäusern der Gegend ähnlich sah. Seine Dimensionen und seine Form orientierten sich am Herkömmlichen. Highslide JS

    44°

    2008, Holz, Schrauben, ca. 500 x 450 x 450 cm, Foto: Markus Schwander, Basel
    Ungewöhnlich war seine Lage: es stand auf einer Seite seines Giebeldachs. Weder Fenster noch Türen erlaubten, einen Blick ins Innere zu werfen oder überhaupt danach zu fragen. Vielmehr konzentrierte dieses Gebäude die Aufmerksamkeit auf seine Oberfläche, die sich aus unterschiedlichstem Holz zusammensetzte, rezyklierter Holzabfall, der mit dem Schreiner vor Ort auffindig gemacht worden war. Restholz, Schwartenbretter, alte Kästen und Böden fügten sich zu neuen Wänden zusammen, kreierten Neues, ohne den Hinweis auf die eigene Geschichte zu verbergen. Highslide JS

    44°

    2008, Holz, Schrauben, ca. 500 x 450 x 450 cm, Foto: Tina Z'Rotz, Basel
    Eine verdichtete Oberfläche entstand und rückte Kriterien wie Wohnlichkeit oder Schutzfunktionen zugunsten der puren Ansicht in den Hintergrund. Das Haus wurde somit zu seiner eignen Erscheinung, kalkulierte vorwiegend den Blick, warf ihn aber auch zurück.

    Leicht wie eine Idee und dennoch solide gebaut, nahm die Hütte ihren Platz ein ohne die üblichen Wege, die ein Hausbau normalerweise erfordert, zurückgelegt zu haben. Es ging nicht um Besitz und nicht um Privat - es machte vielmehr sichtbar, was allen gehört, was alle betrifft. Wie ein rastender Wanderer, etwas abseits der zusammengescharten Hausherde Geschinens auf einer blühenden Sommerwiese liegend, war es selbstgenügsam, eigenwillig und dennoch rücksichtsvoll, fremd und dennoch integriert, ein stiller Besuch. Highslide JS

    44°

    2008, Holz, Schrauben, ca. 500 x 450 x 450 cm, Foto: Barbara Naegelin, Basel
    Anstelle vom Ereignis zu erzählen, das seine Lage erklärt hätte, warf es mit seinen zahlreichen offen gelegten Schichten einen Blick auf die Gegenwart und wagte es, an den Grundsätzen zu rütteln. Viele einst getroffene Entscheidungen transformierten sich in ihm zu Präsenz, Präsenz, die wiederum den Inbegriff des festen Wertes von einer anderen Seite betrachtete. Es nahm Platz, gab aber auch Platz zurück. Mittlerweile ist es schon wieder verschwunden, zurück zu den Ideen.

    Ein gewisses Unbehagen gegenüber diesem Neubau war vor allem von Einheimischen geäussert worden. Die meisten Reaktionen bezweifelten die Sicherheit des Fremdlings, fragten nach Bewilligungen oder kritisierten das „Unschöne“.

    „Was mich während der Zeit, als wir an 44° gearbeitet haben, verblüfft hat, ist die Tatsache, dass alle immer darüber geredet haben, ob das denn hält. Eigentlich könnte man ja sagen: Es ist umgefallen, also kann es nicht mehr umfallen. Das Umgefallene spricht vom Umfallen und deshalb sind wir damit beschäftigt.“ (Zitat Markus Schwander)

    Das Haus, so wurde klar, ist selbst ein Knotenpunkt in der Einbildungskraft des sesshaften Menschen. Als behaglich empfunden wird ein starkes Fundament, starke Mauern und ein luftiges Dach. Geht man dem Wort „Behagen“ auf den Grund, kommt man auf den Begriff des „Sich-Geschützt-Fühlens“. Darin enthalten sind unverrückbare Ordnungen.

    „Fast kommentarlos lässt sich die Rationalität des Daches der Irrationalität des Kellers entgegensetzen. Das Dach spricht sofort seinen Daseinszweck aus: es beschirmt den Menschen, der den Regen und die Sonne fürchtet, die Geographen erinnern immer wieder daran, dass in jedem Lande die Neigung des Daches eines der sichersten Kennzeichen des Klimas ist. Man „versteht“ die Schrägstellung des Daches. Sogar der Träumer träumt rational: für ihn durchschneidet das spitze Dach die Wolken. Wenn es sich um das Dach handelt, sind alle Gedanken klar. Im Dachboden sieht man mit Vergnügen das starre Gerippe des Balkenwerks blossgelegt. Man hat Teil an der soliden Geometrie des Zimmermanns. Und der Keller? Gewiss wird man ihn nützlich finden. Man wird ihn rationalisieren, indem man seine Bequemlichkeiten aufzählt. Zuerst ist er jedoch das dunkle Wesen des Hauses, das Wesen, das an den unterirdischen Mächten teilhat. Wenn man dort ins Träumen gerät, kommt man in Kontakt mit der Irrationalität der Tiefen.“ (Zitat Gaston Bachelard: Poetik des Raumes, 7. Auflage: Frankfurt a. Main 2003, S. 43 )

    Was Ist ein Haus, in dem sich’s nicht wohnen lässt? Immer noch ein Haus? Eine Erinnerung, eine Brache oder Gehäuse für etwas Neues? Highslide JS

    44°

    2008, Zeichnung, ca. 24 x 19 cm, Foto: Markus Schwander, Basel

    „Will ich da hausen, mich aufhalten, es bewohnen, mich einmieten, jemanden einquartieren, mich einrichten, da leben, residieren, einige unterbringen, verweilen, wohnen nur übernachten oder Zeit zubringen? – Nein. Doch ich will bleiben, dableiben, kampieren, dort beim Haus verweilen, mich aufhalten lassen. Sicher!“ (Zitat Tina Z’Rotz) Highslide JS

    44°

    2008, Zeichnung, ca. 30 x 20 cm, Foto: Markus Schwander, Basel