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  • Philipp Kaiser 2000

    Verortungen

    An der Fassade, im Umfeld des Kulturhauses sowie im Treppenhaus der Kunsthalle Palazzo finden sich Plakate des Musée des Expressions. Im Eingangsbereich schliesslich hat Markus Schwander unendlich viele kleine, biedere Wechselrahmen mit Prints aufgereiht, einen Computer installiert und damit den ihm zur Verfügung gestellten eigentlichen Ausstellungsraum in Beschlag genommen. Highslide JS

    Le Musée des Expressions

    Internetseite und Installation, Foto: Markus Schwander, Basel
    In der Rolle des Kurators ist dieser jedoch keineswegs besetzt oder umgedeutet worden, sondern vielmehr wurde versucht, eine eigenständige, andere Ausstellung jenseits der bestehenden Ausstellung zu realisieren, die letzten Endes vor allem an der Inszenierung und Untersuchung des eigenen Werkes innerhalb verwandter künstlerischer Positionen interessiert ist. Der Aspekt der Verortung scheint deshalb für das ganze Schaffen zentral zu sein, auch wenn dieses auf den ersten Blick äusserst heterogen anmutet, denn einerseits beschäftigt sich der Künstler mit skulpturalen Arbeiten, andererseits aber mit Internetprojekten, wie dem Musée des Expressions. Das imaginäre Museum besteht seit einigen Jahren schon aus unterschiedlichen Sammlungen, wie beispielsweise aus unzähligen Seifenstücken, die als Ueberreste einer Geste, nichts als die Spur der Individualität ihres jeweiligen Benutzers darstellen. Highslide JS

    Sammlung III

    Vakuumverpackte Seifen, Metallgestell, 180 x 30 x 30 cm, Foto: Rémy Markowitsch, Berlin
    Wieder ein anderer Teil des Museums der Ausdrücke ist eine Ansammlung verschiedener Handschriften der immer gleich lautenden Signatur des Künstlers, die auf die Wand projiziert wird. Dadurch, dass Markus Schwander sein Werk durch ihm nahestehende Personen bezeichnen und beglaubigen lässt, weist er mit den gestischen Einschreibungen auf die Konstitution und Konstruktion von Identität hin. Highslide JS

    Signatur

    1997, Projektion, 80 Diapositive, Foto: Markus Schwander, Basel
    Die Ansammlung und Archivierung individueller Ausdrücke ist hier aber weniger Kritik an einem administrativen musealen Umgang mit Werken der Kunst, als ein Weg, sich selber als produzierender Künstler zu lokalisieren. Hatte Schwander früher Gesten gesammelt, versammelt er für die Ausstellung in der Kunsthalle fremde Positionen, deren Arbeit sich ebenfalls mit dem Anhäufen von Ausdrücken beschäftigt. Im virtuellen Musée des Expressions finden sich so über fünfzehn Künstlerinnen und Künstler mit ähnlich formulierten Projekten, wie etwa Monica Studer / Christoph van den Bergs Programm zur Herstellung von Seelenskulpturen oder Bessie Nagers fotografische Zurschaustellung intimer Körpernarben in Trophy.

    Die Materialisierung der Werke ausserhalb ihres imaginären Status im Internet finden sich als gerahmte Dokumente, die an die kleinkarierten Frames auf der Computeroberfläche erinnern, wieder. Highslide JS

    Le Musée des Expressions

    Internetseite und Installation, Detail, Foto: Markus Schwander, Basel
    Sie gestatten über die Angaben des Internetmuseums hinaus keine zusätzliche Information, jedoch eine spezifische Reflexion zu Fragen der Repräsentation virtueller Realität im Ausstellungsraum. Ueber die Webseite des Museums der Ausdrücke wird nämlich ein Zugang zu allen dokumentierten Arbeiten ermöglicht, die zusätzlich noch mit den jeweiligen Homepages verlinkt sind. Die oben beschriebenen früheren Ansammlungen Schwanders von Signaturen und Seifenresten und weiteren gestischen Ausdrücken stehen dabei gleichberechtigt neben jenen von den übrigen Künstlern, und präsentieren sich im intertextuellen Gewebe der Anderen. In die gleiche Richtung zielte bereits die fremde Variation der Unterschrift des Künstlers, die ihren Kristallisationspunkt nach aussen verlagerte, und damit vielmehr nach Einflüssen und Abhängigkeiten in der Kunst als nach Originalität fragte.

    Mit der Verortung seines Werkes innerhalb des eigenen Museums schafft sich Markus Schwander zugleich seine Idealausstellung mit genehmer Besetzung und damit verbunden einem entsprechenden Interpretationsrahmen.

    Bei seinen jüngsten, hier nicht ausgestellten, skulpturalen Werken steht ebenfalls die Frage nach dem idealen Ort im Vordergrund. Hier handelt es sich allerdings nicht um eine kontextspezifische Lokalisierung, auch nicht um eine räumlich bestimmte Konstellation, sondern um die absoluten Präsentationsmöglichkeiten überhaupt. Der mehrteiligen Arbeit Untitled, chewed, 2000, die zu Markus Schwanders Projekt wrong time, wrong place gehört, geht eine starke Vergrösserung eines verformten Kaugummis voraus. Als Skulptur ist die Gestalt des Gekauten temporärer, gestischer Art, und kann sich nicht so recht zwischen abstrakt biomorpher und figürlicher Erscheinungsform entscheiden. Highslide JS

    untitled, chewed #2

    2000, Gips, Lack, 80 x 60 x 50 cm, Foto: Serge Hasenböhler, Basel
    Der überdimensionierte Kaugummi lässt sich nun aber weder als autonomes, von allen institutionellen Bedingungen losgelöstes modernistisches Kunstwerk lesen, noch nimmt er Bezug auf die gegebene Ausstellungssituation und versucht etwa die Räumlichkeiten des vermeintlich neutralen White Cube zu definieren.

    Stattdessen liefern die drei unterschiedlichen Modelle, jeweils auf einem kleinen grauen Tisch platziert, den einzig möglichen und wünschenswerten Bezugsrahmen für die Skulptur. Einmal sind deren verkleinerte Nachbildungen auf einer Alpenwiese verstreut Highslide JS

    Modell (Landschaft)

    2000, Papier maché, Tisch, Kaugummis, 125 x 80 x 65 cm, Foto: Serge Hasenb√∂hler, Basel
    und erinnern an klassische Ideallandschaften mit Schäferidylle, ein anderes Mal ist die skulpturale Arbeit in ein Ensemble eingebettet oder befindet sich auf dem Grund einer eigens konstruierten Gletschermühle. Highslide JS

    Modell (Gletscher)

    2001, Papier maché, Holz, Gips, Lack, 72 x 58 x 55 cm, Foto: Markus Schwander, Basel
    Die Modelle scheinen als literarischer Topos oder im letzteren Fall als ein dem Auge verborgener Entstehungsprozess Formulierungen fiktiver und damit imaginärer Orte zu sein, deren Horizont jenseits der musealen Mauern liegt. Damit setzen sie den konventionellen institutionellen Gegebenheiten eine eigene, fiktive Realität entgegen, und behaupten selbstbewusst ihre Unabhängigkeit von jeglichen Kontexten. An diesem imaginären Ort der Kunst finden denn sowohl virtuelle Internetprojekte wie das Musée des Expressions, als auch Skulpturen, die medial und formal nicht weiter auseinander liegen könnten, zusammen.

    Jahreskatalog der Kunsthalle Palazzo, 2000