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  • Claus Volkenandt 2007

    Kleine Launen

    Kunst ist ihrer Entstehung nach immer auch ein Glücksfall. Das Telefon schellt, die Türglocke läutet, schon ist die Arbeitssituation eine andere. Der sich formende Gedanke, das sich im Schreiben findende Wort, der sich reihende Satz, die gerade ansetzende gestalterische Geste werden unterbrochen, verschwinden, werden verändert, transformiert, vielleicht auch verstärkt. Jedenfalls sind sie in eine neue, nächste Situation überführt. Eine schaustellerische Weisheit wie Schlauheit sagt: Neue Gelegenheit, neues Glück. Kunst ist eben nicht nur Zufall, sondern Glücksfall, insofern sie ein Gelingen bzw. eine Entscheidung über ihr Gelungensein beinhaltet. Was den Glücksfall vom Zufall unterscheidet, ist die prospektive bzw. retrospektive Einordbarkeit, natürlich die positive Einordbarkeit des Glücksfalls, beispielsweise in eine Situation oder eine Biografie. Dem Unterschied lässt sich in zwei Sätzen nachspüren: 'Was für ein Zufall, dass ich Dich getroffen habe' gegenüber 'Was für ein Glück, dass ich Dich getroffen habe'. Der Glücksfall bezieht sich auf einen bestehenden Horizont: 'Was für ein Glück, dass ich Dich getroffen habe, dann brauche ich nicht mehr versuchen, Dich zu erreichen', oder er erweist sich retrospektiv reflexiv bedeutsam: 'Was für ein Glück, dass wir uns damals getroffen haben'. Glück in der Kunst heisst, einen Zufall in einen ästhetisch gestalterischen Horizont stellen zu können, sei dieser Horizont nun implizit oder explizit, intuitiv oder diskursiv. Glück (nicht nur) in der Kunst ist der positiv bedeutsame Zufall, eine offene Situation, in der man etwas findet, ohne es gesucht zu haben: Eine Laune des Materials, der Farbe, ihrer Kombination. Es stellt sich etwas ein, dass mehr ist als Zufall, ganz anderes aber als Wille – Glück eben.

    Dieses Glück fordern und umspielen auch die Arbeiten von Markus Schwander, die hier zu sehen sind. Sie sind Gelegenheitsarbeiten, kleine Launen, die zwischen Zufall und Gestaltung entstehen. Es sind plastische Capriccios. Highslide JS

    Capriccio #22

    2007, Endurit, Lack, Höhe: 20 cm. Foto: Michael Fontana, Basel
    Kunsthistorisch meint das Capriccio einerseits eine launenhafte, grillenhafte Entstehung eines Werkes, andererseits eine bestimmte Werkform: meist ein kleines Format und eine andeutungshafte Ausführung. Das Capriccio ist reich an Anspielungen, eröffnet ganze Felder von Referenzen in Form und Thema. Es überschreitet und verwischt Grenzen, verstösst gegen Regeln, bringt Uneindeutigkeiten ins Spiel und lädt die Kunst reflexiv auf. Vor allem aber arbeitet das Capriccio mit einem grossen Augenzwinkern, nicht im Scherz, sondern scherzhaft. Alle Formen von Freude sind erlaubt – gegen den bitteren, moralinen Ernst von Kunst und Leben. Nicht zuletzt ist das Capriccio eine Form, über sich selbst zu lachen: Kunst über Kunst.

    Die plastischen Capriccios, die uns hier anlachen, sind bemalte oder teilbemalte Gipsplastiken. Sie entstehen aus Abgüssen von alltäglichen Dingen, die traditionell dem Motivinventar der Stillebenmalerei zugehören (Vasen, Früchte). Highslide JS

    Capriccio #05

    2007, Endurit, Styropor, Lack, Höhe: 30 cm. Foto: Michael Fontana, Basel
    In ihrer Anordnung und der Verwendung beispielsweise von Bananen werden diese Motive aber ironisch gebrochen. Die Abgüsse sind zu plastischen Stilleben kombiniert, deren Bestandteil ebenso natürliche wie naturalistisch imitierte (aber vom Künstler gekaufte) Pflanzenteile sind. Eine Kombinationslogik zwischen den Vasen- und Früchteabgüssen oder zwischen den Abgüssen und den floralen Applikationen lässt sich nicht ausmachen. Darin bleiben die Arbeiten launenhaft. Was sie anschaulich in Gang setzen ist ein Spiel von Verweisungen und Verkehrungen: der Abguss, der die Originalform sprengt und den Platz des Originals einnimmt; das Original, das unter den Abgussmaterialien verschwindet und zwar sichtbarer Weise verschwindet, darin zum Medium des Materials wird; die oberflächengetreuen Abgüsse von Obst und Früchten, die weiss bleiben, dennoch zu einer Gegenstandserkenntnis führen; die oberflächengetreuen Abgüsse, die farblich naturalistisch gestaltet sind, die jedoch gegenüber ihren weissen Kollegen ein anderes Wiedererkennen und darin auch eine andere Frage, nämlich die nach der Täuschung, stellen; die oberflächengetreuen Abgüsse in dieser unvollständigen Erwähnung schliesslich noch, die verfremdend farblich gestaltet sind, auch sie fragen lachend: 'Na!? Wer sind wir denn?'. Highslide JS

    Capriccio #33

    2007, Endurit, Lack, Kristall, Höhe: 30 cm. Foto: Michael Fontana, Basel

    Ein unendliches Verweisspiel von Referenzen und Verschiebungen, vermeintlichen Eindeutigkeiten und deutlichen Undeutlichkeiten, von klaren Fragen und unklaren Antworten kommt in Gang. Spielerisch ziehen die plastischen Capriccios die Register der Kunst und unserer Kunstauffassung: Täuschung und Ent-täuschung, Kopie und Original, Nachahmung und Hervorbringung. Keine obsoleten Register: Scherzhaft, aber nicht im Scherz drängt sich mit ihnen eine Erfahrung auf. An den Realitäten der Kunst stellt sich die Frage nach den Realitäten der Realität. Zum Glück.