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  • Katharina Dunst und Markus Schwander 2004

    Abdruck, Spurenlesen und Wahrsagen.

    Folgende Überlegungen beziehen sich auf die gemeinsame Beschäftigung von Katharina Dunst (K.D.) und Markus Schwander (M.S.) mit den Ausführungen Georges Didi-Hubermans in Ähnlichkeit und Berührung.1 In der Diskussion über Schwanders Arbeiten schälte sich ein Leitmotiv für das ganze Schaffen heraus: Abdruck. Im Schnittpunkt von Theorie und Praxis bildeten Didi-Hubermans Gedanken ein gemeinsames Interesse und eine Gesprächsbasis. Er würdigt detailliert «den Abdruck als eigenständige Form des Bildes» und betrachtet sein Phänomen im Rahmen der Kunstgeschichte.

    K.D.: Was den Abdruck zu einer besonderen Art des Bildes macht, ist, dass er befreit vom Diktat des Auges und des Hirns entsteht. Er ist ein unvernünftiges Bild, das sich ungelenkt erzeugt. Dieses ist keine Erfindung und keine Phantasie, eher ein Zufall.
    Ein Körper, beispielsweise, berichtet in seiner Spur von einem Ort und einem Zeitpunkt in der Vergangenheit, und doch hat die Begegnung mit einem Körper-Abdruck etwas Direktes und Unmittelbares. Die Tatsache, dass ich das Material berühren kann, welches in der Einprägung berührt wurde, funktioniert wie ein Zeitraffer. Präsenz und Absenz sind in einem. Vergangenheit und Gegenwart sind sich ganz nah. Highslide JS

    untitled, chewed #13

    2006, Gips, bemalt, ca. 65 x 60 x 32 cm. Foto: Dominique Uldry, Bern
    In seiner Eigenschaft, fixiert, eingefroren oder erhärtet zu sein, verspricht der Abdruck, dass eine Feststellung über ihn gemacht werden kann. Er ist Indiz, vielleicht schon ein Zeuge. Er war da, als es geschah und ist es noch. Kann er aber über sich hinaus etwas mitteilen?

    M.S.: Abdrücke und ähnliche, willkürlich erzeugte Formen (wie Handlinien und Handschriften) habe ich anfangs benutzt, um Menschen an meinen Arbeiten zu beteiligen. Ich habe allerdings schnell erkannt, dass es mir nicht um den persönlichen Ausdruck der Beteiligten geht. Im Unterschied etwa zu den Arbeiten von Gillian Wearing, wo Menschen ihre Meinung aufschreiben mussten oder im Luftgitarrenspiel wirkliche Entfaltungsmöglichkeiten hatten, zielte ich immer auf ein Muster. Unseren eigenen Handlinien als Ausdruck des Körpers sind wir ausgeliefert, wir können sie nicht gestalten. Durch die Anonymität der Abdruckspender gerät die Frage der Bedeutung aus den Fugen. Bei den Handlinien zum Beispiel zeigen die Zeichen Unterschiede, die interpretierbar sind. Aber ohne eine dazu gehörige Person ist die Analyse der Zeichnung sinnlos. Wir sind dem, was wir glauben möchten, ausgeliefert, oder wir entschliessen uns, zu sehen, was wir wollen. Highslide JS

    Konferenz #5

    1995, Vinamold, Holz, 125 x 100 x 5 cm. Foto: Markus Schwander, Basel

    K.D.: Einigen deiner Arbeiten, die hier angesprochen werden, geht ein Prozess voraus, bei welchem eine einzige Tätigkeit von verschiedenen Personen durchgespielt wird. Es werden Daten gesammelt. Das erinnert mich an emprisch-wissenschaftliche Methoden. So kann eine Menge Information zusammengetragen werden, horizontal. Damit aber Ordnung in die Sammlung kommt, braucht der Forscher eine Frage, auf welche er die Antwort mit seinem Tun finden will. Und auch beim Betrachter oder Leser einer solchen ‹Studie› entsteht ein Wunsch nach Schlüssen oder Ergebnissen. Im Falle der Unterschriften-Arbeit wurden Leute aufgefordert, den Namen ‹Markus Schwander› zu schreiben. Die einen Schriften zeigten Dynamik, die anderen ein auf Schönheit bedachtes Schriftbild, Hast, Kraft etc. Der Leser dieser Signaturen sieht sich vor einem Rätsel, er wird zum Detektiv, denn geben doch all diese Unterschriften vor, eine bestimmte Person mittels ihrer Handschrift zu repräsentieren. Unweigerlich ist man auf der Suche nach der wahren, nach der richtigen Spur von Markus Schwander.
    Lesen in dieser Anordnung würde heissen, auszulesen und die Beute wäre das Stillstellen des Flimmerns aller Möglichkeiten. Der Wunsch ist gross, die Indizien gering – da entsteht eine Lücke.

    M.S.: Ganz frühe Arbeiten, z.B. Stumme Zeugen von 1989 habe ich aus schwarzem Wachs gegossen. Das Material, verbunden mit der Farbe, schafft Unsicherheit. Highslide JS

    Stumme Zeugen

    1989, Wachs, Tisch, 105 x 90 x 60 cm Foto: Louis Brem, Luzern
    Ich wurde damals oft gefragt, ob es erlaubt sei, diese Skulpturen zu berühren. Mir scheint die Frage aber viel wesentlicher, warum jemand die Skulptur berühren will und was dadurch gewonnen werden könnte. Ich denke immer noch, dass durch die Berührung die Unsicherheit, eigentlich ein wesentlicher Inhalt, verdrängt wird. Anders ist es mit der Berührung als Akt, der auf einfache und direkte Art zur Form wird. Eine beiläufige Geste schafft neue Tatsachen. Daraus entsteht etwas, das weiter gehen kann.

    K.D.: Die gekauten ausgespuckten Kaugummis sind, trotz eindeutiger Aufprägung, Leerstellen. Nachdem ein bestimmtes Gebiss auf der weichen Masse herumgekaut hat und diese sich eine Zeit lang dem Druck gefügt hat, wird der Prozess der immer neuen Formwerdung gestoppt. Dann, wenn der Geschmack weg ist, nicht dann, wenn der Gummi eine besonders gelungene Form hat. Er wird geworfen, nichts bestimmt den Ort und die Form. So ein Kaugummi auf dem Fussboden sagt nur, dass etwas, was ihn ausmachte, weg ist. Es ist das Geworfensein, das da ist. Highslide JS

    Modell (Landschaft)

    2000, Papier maché, Tisch, Kaugummis, 125 x 80 x 65 cm Foto: Serge Hasenböhler, Basel
    Bei den Modellen, wo die ausgespuckten Kaugummis wieder aufgehoben und neu platziert wurden, wird der Mangel ersetzt durch die Gesellschaft und die Umwelt. Im Grünen sind die weissen Flecken Schafe, in der grauen Hügellandschaft könnte es sich um Autos beim Passfahren handeln, und schliesslich stehen die bunten Individuen in Reih und Glied, Schüler vielleicht oder eine Mannschaft; plötzlich sind die Einzelnen Bedeutungsträger, die Teilhabe an einem übergreifenden System macht sie zu Sinnträgern. Highslide JS

    Modell (Hügelige Landschaft)

    2003, Papier maché, Tisch, Kaugummis, 60 x 60 x 80 cm, Foto: Serge Hasenböhler, Basel

    M.S.: Als ich ein Kind war, verwendeten wir statt dem Wort ‹pissen› den anständigeren Ausdruck ‹einen Brunnen machen›. So verstehe ich Duchamps La fontaine. Das Pissoir wird durch das Ausstellen seiner Funktion enthoben. Es ist nur noch Bedeutung und hat so nur noch die Hälfte seiner Fähigkeiten. Durch den physischen Akt des Pissens würde es wieder ganz, eben ein Brunnen. Die Modelle, die ich baue, sind nicht Projektskizzen. Sie müssen nicht ausgeführt werden. Sie sind ein Anlass für die Vorstellungen der Betrachter. Wenn die Betrachter dem Modell ihre Ideen geben und dem zufolge eine Idee haben, schenkt das Modell ihnen ihre eigenen Ideen zurück. Highslide JS

    Modell (Gletscher)

    2001, Papier maché, Holz, Lack, Gips, 72 x 58 x 55 cm, Foto: Markus Schwander, Basel

    1 Didi-Huberman, Georges, Ähnlichkeit und Berührung, Archäologie, Anachronismus und Modernität des Abdrucks, Köln 1999