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  • Felicity Lunn 2009

    Markus Schwander

    Markus Schwander ist bekannt für seine Auseinandersetzung mit Motiven des Alltäglichen und Banalen, vor allem in Form von Abgüssen und Abdrücken. Die Auswahl an Skulpturen, die die Kunstkreditkommission für die Ausstellung getroffen hat, gehören zu zwei Serien: einer weitergeführten Reihe von unterschiedlichsten Kaugummi-Skulpturen mit dem Titel „Untitled, chewed“, die er im Jahre 1999 begonnen hat, und „Capriccio“, einer Gruppe von Kleinplastiken aus dem Jahr 2007.

    Schwanders Interesse für die technischen Prozesse des Abgiessens hat seinen Ursprung in früheren Arbeiten. Highslide JS

    Accrochage

    1991, Seifen, Hakenschrauben, 28 x 21 x 14 cm, Foto: Louis Brem, Luzern
    Der Künstler arbeitete z.B. Kuchenformen in eine Betonplastik ein, benutzte Seife, kombiniert mit Metallrohren und rohrartigen Hohlräumen aus Ton, die durch die manuellen Druckausübungsvorgänge den Entstehungsprozess manifestieren. Eines seiner ersten Experimente war eine Serie von Kleinplastiken, datiert zwischen 1994 und 1997, die Abdrücke fälschen bzw. nachahmen. Unter anderem hat Schwander einen Fussabdruck sowie negative Finger- und Handballenabdrücke geschnitzt. Highslide JS

    Schritt für Schritt

    1995, Holz, Lack, 160 x 40 x 9 cm, Foto: Markus Schwander
    Das Konzept der Konservierung einzelner Momente ist ihnen ebenso inhärent wie den Abdrücken, jedoch stehen die geschnitzten Plastiken für Spuren allgemeiner Art und stellvertretend für den individuellen Wunsch, in der Welt eine Spur der eigenen Existenz zu hinterlassen.

    Diese Serie war ein wichtiger Schritt im Übergang von den der Realität verpflichteten Abdrücken hin zur ersten Kaugummi-Skulptur, einer rosa lackierten Plastik, die im Jahre 1999 entstand. Die Kaugummi-Skulpturen sind Abgüsse einer offensichtlich von Hand modellierten Form, die das Gekaute formal und thematisch berücksichtigen und die als traditionelle Skulpturen, Plastiken, Objekte oder als Modelle in Erscheinung treten. Schwander nimmt für jede Plastik einen anderen gekauten und ausgespuckten Kaugummi als Modell. Highslide JS

    untitled, chewed #8

    2003, Acrystal lackiert, 90 x 60 x 40 cm, Foto: Dominique Uldry, Bern
    Nicht nur übersetzt er dieses in einen grösseren Massstab, sondern verwandelt auch die weiche, dehnbare Vorlage in ein hartes und unbewegliches Material: Gips in den ersten Kaugummi-Skulpturen und später Polyurethan oder Beton. Die Objekte in der Ausstellung sind in den Pastellfarben lila, rosa oder hellgrün lackierte Modelle aus Gips, die zur Ausführung in Kunststoff oder Bronze vorgesehen sind. Highslide JS

    untitled, chewed #13

    2006, Acrystal lackiert, 65 x 60 x 32 cm, Foto: Markus Schwander, Basel
    Die Ausnahmen sind drei Plastiken, die der Künstler mit gefundenen Steinen verschiedener Grösse oder mit einem Kristall kombinierte und schliesslich als Originale in Beton abgoss. Highslide JS

    untitled, chewed #28

    2009, Beton, 41 x 56 x 48 cm, Foto: Markus Schwander, Basel

    Obwohl die Kaugummi-Skulpturen vielleicht an Pop Art als Zelebrierung des Alltäglichen in einer modernistischen Gebrauchsgüterkultur erinnern, interessiert sich Schwander mehr für das Ding bevor oder nachdem es Wert erhalten hat. Als alltägliche und populäre Form des Abdrucks ist Kaugummi ein minderwertiges und unbedeutendes Material. Die Form als Vorlage für die Skulpturen wird einzig durch die Kaudauer bestimmt, nämlich durch den Moment, in dem der Geschmack des Kaugummis verschwindet. In diesem Sinne sind sie Leerstellen ohne grosse Wichtigkeit und nur kurze Zeit brauchbar. Markus Schwander verwandelt diese ekelhaften und wertlosen Dinge in ästhetische und verführerische Objekte. Es entsteht eine Änderung des Wertes durch den Wechsel der Sinne, denn sobald der Geschmack keine Funktion mehr hat, bekommt das Visuelle neue Bedeutung. Als Material kann Kaugummi jede beliebige Form annehmen; infolge des Abgiessens in Kunststoff oder Bronze wirkt die glänzende und pastellfarbene Plastik eindeutig künstlich, aber durch die organische Form gleichzeitig naturähnlich. Highslide JS

    untitled, chewed #2

    2000, Acrystal lackiert, 80 x 60 x 50, Dominique Uldry, Bern
    Markus Schwanders Kaugummi-Skulpturen werfen kunstimmanente Fragen nach dem Verhältnis von Kopie und Original, Abguss und Imitat auf. Sie können als eine Mischform betrachtet werden, denn obwohl sie einem individuell geformten Kau-Abdruck entspringen, erfahren sie, übertragen ins Grossformatige, eine Allgemeingültigkeit und eine damit verbundene Distanzierung zur Ausgangsform.

    Für Schwander sind sie ein Muster, fast ein Archetyp, denn die Kaugummi-Formen von verschiedenen Menschen unterscheiden sich nicht. Damit verbunden ist der Verlust der Autorschaft des Künstlers, denn obwohl der Kaugummi durch seinen Mund geformt wird, besitzt er keine Eigenschaften, die mit dem Kauenden in Verbindung gebracht werden können. Losgelöst vom Diktat des Auges und des Hirns, ist der Charakter dieser Vorlage keine Erfindung und keine Fantasie, sondern eher ein Zufall. Neutral sind die Skulpturen jedoch nicht, denn ihre Grösse als auch ihr Verhältnis zueinander im Raum ist dem Menschen ähnlich.

    Im Gegensatz zum Abgussprozess der Skulpturen, die Steine, Kristalle und Kaugummi-Vorlage vereinheitlichen, stehen die Kleinplastiken der Serie „Capriccio“. Bemalte oder teilbemalte Gipsplastiken, die aus Abgüssen von alltäglichen Dingen wie Vasen und Früchten entstehen, setzen Verweise und Verkehrungen in Gang. Schwander spielt mit dem Begriff des Stilllebens, in dem er Vorlagen eingiesst und diese teilweise realitätsverwandt bemalt. Highslide JS

    Cappriccio #35

    2007, Mixed Media, Höhe 30 cm, Foto: Michael Fontana, Basel
    Zusätzlich zu seinen plastischen Arbeiten hat sich Markus Schwander immer wieder mit dem Medium der Zeichnung auseinandergesetzt. In der Ausstellung zeigt er eine Serie von 40 Selbstporträts mit dem Titel „Smoking Guns“, die sich, wie die Skulpturen, um dauerhafte Erinnerungsspuren drehen. Als Vorlage dienen Fotos des Künstlers aus unterschiedlichen Altersphasen, die Schwander jeweils mehrfach auf einem Blatt verbindet. Mittels Kugelschreiber und Kohlepauspapier überträgt er die Fotos auf ein weisses Zeichenblatt. Sie sind, wie die Kaugummi-Skulpturen, auch eine Art Abdruck, denn die Zeichnung wird mit einem Stift von einem Blatt zum anderen übermittelt. Das Positive als Vorlage in Form des Fotos wird als Abrieb in der Zeichnung ein Abdruck. In dieser Serie widerspiegelt die Technik das Thema der Arbeit: Genau wie Schwander auf einer Wand zeitlich Disparates, einen Überblick über sein Leben zusammenbringt, so bleiben alle Inskriptionen als feine Spur auf dem Pauspapier unauslöschlich eingeschrieben. Highslide JS

    Smoking Guns #4

    2006, 48 x 70 cm, Paustechnik mit Kohlepapier, Foto: Michael Fontana
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    Smoking Guns #7

    2006, 48 x 70 cm, Paustechnik mit Kohlepapier, Foto: Michael Fontana
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    Smoking Guns #12

    2006, 48 x 68,5 cm, Paustechnik mit Kohlepapier, Foto: Michael Fontana