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  • Konrad Tobler 2012

    Vom Hin und vom Her

    Und das mitten im Sommer: Liegen da doch zwei Haufen faustgroßer Kugeln, weiß sind sie, weiß wie Schneebälle, sorgfältig aufeinander gehäuft, in einer Entfernung, die vielen Spielen eigen ist, wenn zwei Personen oder zwei Mannschaften gegeneinander antreten. «Depot für eine Schneeballschlacht» heißt die Doppelskulptur von Tina Z’Rotz und Markus Schwander. Die beiden Haufen liegen bereit, so als ob jetzt das Spiel, das in der Kinder- und Jugendsprache martialisch als «Schlacht» bezeichnet wird, gleich beginnen könnte. Ball folgt auf Ball. Wenn die Bälle sanft geworfen werden, dann ist es ein friedliches Hin und Her. Wenn das Spiel in aggressiver Absicht gespielt wird, etwa wenn zwei Banden aufeinander treffen und sich richtiggehend bekämpfen, dann schlägt das Spiel und das Messen der Treffsicherheit in Kampf um und kann sehr wohl das eine oder andere blaue Auge kosten. Aber das bleibt in der Anlage der Doppelskulptur offen. Denn es ist ja, augenscheinlich, kein Schnee, kann kein Schnee sein, mitten im Sommer. Die Assoziation der Schneebälle scheint nur auf, weil die Erinnerung die Betrachtung lenkt, vielleicht auch wegen des Titels. Im Grunde genommen aber ist es einfach eine Plastik, bestehend aus weißen Kugeln. Highslide JS

    Depot für eine Schneeballschlacht

    2012, Acrystal, zweiteilig, je ca. 50 x 40 x 80 cm, Foto: Tina Z'Rotz

    Die Künstlerin und der Künstler haben je einen der Haufen geformt, je auf eigene Weise die Kugeln geknetet und aufeinander getürmt. Die beiden Haufen sind also die gleichen, sie folgen der gleichen skulpturalen und spielerischen Idee, sind aber nicht die Selben. Jede Kugel ist in Form und Größe anders – und dennoch vereint der Kugelhaufen im Prinzip skulpturale Idealkörper: Kugeln. Die Kugel gehört seit mythischer Zeit zu den Idealkörpern, der Romantiker Carl Gustav Carus nennt sie gar, ganz platonisch, das «wahre Zero der Formenwelt». Denn in die Kugel lassen sich alle anderen geometrischen Körper einschreiben – und so ist die Kugel formal und symbolisch aufgeladen. Sie ist – weit weg vom Schneeball – sphärisch, und als sphärischer Körper hat sie Anteil am Göttlichen und Ewigen. Kein Zufall also, dass die Kugel in der Architektur und damit auch in die Skulptur immer wieder ein wichtiges Thema war. Highslide JS

    Depot für eine Schneeballschlacht, Detail

    2012, Acrystal, zweiteilig, je ca. 50 x 40 x 80 cm, Foto: Tina Z'Rotz
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    Depot für eine Schneeballschlacht, Detail

    2012, Acrystal, zweiteilig, je ca. 50 x 40 x 80 cm, Foto: Tina Z'Rotz

    Nun führt aber in der Doppelskulptur «Depot für eine Schneeballschlacht» die Anhäufung der tendenziellen Idealkörper in einer dialektischen Gegenbewegung gerade dazu, dass nicht potenzierte Idealformen entstehen, sondern zwei Formen, die geradezu als formlos bezeichnet werden könnten, jedenfalls unregelmäßig sind und keine formalen Regeln erkennen lassen würden – es sei denn, man bezeichne das Prinzip der Anhäufung als Regel. Aus der spielerischen Anlage der Skulptur, die im Kern Aggression in sich enthält, wird so ein Gedankenspiel, das, analog zur Aggression, noch in viele Richtungen geschärft werden könnte. Zum Beispiel: «Depot für eine Schneeballschlacht» ist in der Anlage ein Hin und Her. Ein Hin und Her liegt auch der Entwicklung der Skulptur selbst zugrunde. Es ist das Hin und Her zwischen zwei Künstlerpersönlichkeiten, die im Gespräch eine Idee entwickeln und realisieren. Die Freiburger Doppelskulptur nun ist nicht das erste Hin und Her zwischen Z’Rotz und Schwander. Bereits 2007 realisierten sie für die Skulpturenausstellung im neuenburgischen Môtiers das Objekt «In den Hügeln», ein überdimensioniertes Bett, das mitten auf einer Wiese stand und dessen weißes ‹Bettzeug› aus Acristal die jurassischen Hügelformationen ebenso imitierte wie die Wolkenzüge. Highslide JS

    In den Hügeln

    2007, Holz, Acrystal, 180 x 300 x 400 cm, Foto: François Charrière
    Ein Jahr später dann folgte die Großskulptur «44°»: Im Walliser Bergtal Goms stand eine Holzhütte, die sich von der Form her an die Sennhütten anlehnte, jedoch sichtbar wie eine bewusste Bricolage aus Abbruchholz zusammengezimmert war. Entscheidend jedoch war, dass das Haus auf dem Dach lag (oder eben stand), in einem Winkel von 44 Grad verkehrt war und so in der Landschaft lag, als ob die Hütte, ohne zu zerschmettern, vom Himmel gefallen wäre. So entstand ein starkes Bild für den Umgang mit der Landschaft, für die Zersiedelung der Alpen – und die Skulptur war zugleich ein Spiel mit architektonischer Dekonstruktion, die weit über die Schweiz hinaus als Bild Beachtung fand. Highslide JS

    44°

    2007, Holz, Schrauben, 500 x 450 x 450 cm, Foto: Tina Z'Rotz

    «Depot für eine Schneeballschlacht» schließt an diese Werke an, denen immer skulpturale Konsequenz eigen ist. Und die zugleich in ihrer formalen Offenheit auch inhaltlich im besten Sinn offene Kunstwerke sind.