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  • Claudine Metzger 2003

    Dogs & Flowers

    


    „Dogs and Flowers“ (loop 3), 2002 (zweiteilig) (Inv. 8066 a + b)
    
„Dogs and Flowers“ (loop 4), 2002 (zweiteilig) (Inv. 8067 a + b)
    
Zeichnung auf zwei Papieren, Durchschlagtechnik, Blattmass: je 42 x 29,5 cm
    
Erworben 2003, Galerie Tony Wüthrich, Basel

    
Ohne räumliche Verankerung schweben üppige Blüten und die Köpfe gefährlicher Hunde als hell-dunkel-Zeichnung vor dem beigen Papier, überlagern sich wie die Schattenbilder eines Traums, verbreiten sich über das ganze Blatt und drängen sich an dessen Ränder, an deren willkürlichen Grenze sie abrupt abgeschnitten werden. Während die Blüten und Hundeköpfe in „loop 3“ Highslide JS

    Dogs & Flowers #3

    2002, Paustechnik mit Kohlepapier, 42 x 61 cm, Foto: Beat Brogle, Berlin
    aus der Ferne gesehen sich zu luftigen Girlanden zusammenfügen, überwuchern sie in „loop 4“ Highslide JS

    Dogs & Flowers #4

    2002, Paustechnik mit Kohlepapier, 42 x 61 cm, Foto: Beat Brogle, Berlin
    gross und fett in dichter Überlagerung das Blatt fast vollständig.

    Markus Schwanders Zeichnungen „loop 3“ und „loop 4“ sind Teil einer 20 Arbeiten umfassenden Werkgruppe mit dem Titel „Dogs and Flowers“. Sie entstanden aufgrund eines Aufenthaltes des Künstlers in Kapstadt im Jahre 2001 und sind von seinen Spaziergängen durch die Southern Suburbs inspiriert. Blumen und Schilder, die vor bissigen Hunden warnen, sind dort vor jedem Haus angebracht und erzeugen in den Wohnquartieren der weissen, mittelständischen Bevölkerung in widersprüchlicher Weise eine aggressive Atmosphäre: Während die üppige Blumenpracht Freundlichkeit ausstrahlt, provozieren die Warnschilder und die Zäune, welche die Grundstücke gegen aussen abschotten, eine Stimmung der Bedrohung. Die Möglichkeit jederzeit ausbre-chender Gewalt scheint in Südafrika den öffentlichen Raum an vielen Stellen zu prägen. Davon zeugen auch die Verbotstafeln an den Bahnhöfen, die das Mitnehmen von Waffen im Zug verbieten. Neben Gewehren gelten auch Bestandteile der traditionellen Bekleidung der schwarzen Bevölkerung wie Speere und landwirtschaftliche Arbeits-geräte wie Äxte als Waffen. Die Verbotstafeln für Gewehre und Äxte treten beispielsweise in „loop 3“ Highslide JS

    Dogs & Flowers #3

    2002, Paustechnik mit Kohlepapier, 42 x 61 cm, Foto: Beat Brogle, Berlin
    als fremde Zeichen beinahe unauffällig neben die Blumen und Hunde.

    Die Zeichnungen sind das Resultat einer multimedialen Technik, die Markus Schwander während seines Aufenthaltes in Südafrika entwickelte. Als Ausgangspunkt dienen Fotografien, die er auf seinen Streifzügen durch die Stadt herstellte. Diese werden zuerst am Computer bearbeitet. Dazu verwendet Schwander die sogenannte „Stempelfunktion“ des Softwareprogramms Photoshop, der die Fotos schwarz-weiss umsetzt und ihnen klare Umrisse verleiht. Diese neu gewonnen Bilder werden ausgedruckt. In einem weiteren Schritt stellt Markus Schwander mit dem Fotokopierer von den einzelnen Motiven mehrere Schwarz-weiss-Kopien in unterschiedlichen Grössen her. Diese Kopien paust er schliesslich mit Kohlepapier auf das Zeichenpapier.

    
Die Zeichnungen, die immer zu zweit als Paar funktionieren, sind also keine spontanen Kritzeleien, wie man aufgrund der Rillen denken könnte, die der Kugelschreiber beim Durchpausen auf dem Papier hinterlassen hat, sondern eine Mischung aus Kalkül und bewusstem Kontrollverzicht. Während die Fortsetzung der Zeichnung auf dem anderen Blatt sehr präzise gesetzt werden muss, kann die Überlagerung der Motive nur beschränkt kontrolliert werden, verdeckt doch das Kohlepapier beim Durchpausen immer einen Teil der darunterliegenden Zeichnung.

    Markus Schwanders Verfahren zur Übertragung von Fotografien in das Medium der Zeichnung hat vielfältige Folgen. Durch die Umwandlung des fotografischen Bildes in ein Stempelbild und das anschliessende Durchpausen findet eine Vereinheitlichung statt, bei der auf der Skala zwischen ganz Hell und ganz Dunkel die Zwischenwerte verloren gehen. Die Motive wirken zwar noch plastisch, kippen jedoch teilweise ins Abstrakte und nähern sich der Piktogrammsprache der Verbotstafeln an, jedoch ohne leichter lesbar zu werden. Es stellt sich sogar ein gegenteiliger Effekt ein. Die Motive verwandeln sich in uneindeutige Bilder: Ein Hundekopf kann zu einer Blume werden und umgekehrt Highslide JS

    Dogs & Flowers #4

    2002, Paustechnik mit Kohlepapier, 42 x 61 cm, Foto: Beat Brogle, Berlin
    Die Widersprüchlichkeit der Blumen und Warnschilder wird so in einem halluzinatorischen Vexierspiel in (Alb-) Traumbilder aufgelöst. Idylle und Gefahr werden in den Zeichnungen zu einer Frage der subjektiven Wahrnehmung, ohne die gesellschaftlichen Realitäten Südafrikas auszu-blenden. Die Angst des reichen (meist weissen) Besitzers einer Villa mit Garten, der um den Verlust seines Wohl-standes, seiner prekären Idylle fürchtet und sich mit Zäunen und bissigen Hunden einen goldenen Käfig baut, ist in diesen Zeichnungen genauso präsent wie das Wechselbad der Gefühle, das den Spaziergänger in Anbetracht der Blumen und der gefährlichen Hunde empfindet.

    Wie der Titel der Zeichnungen angibt, ist das Paradox der Blumen und Hunde in einem Loop eingefangen. Das bedeutet, dass die Fortsetzung der Zeichnung an zwei Blatt-rändern gewährleistet ist. Die zusammengehörenden Blätter können also in ihrer Reihenfolge vertauscht werden und ergeben in dieser Anordnung ein neues Ganzes. Durch den Rückgriff auf den Loop, den man aus der Videokunst kennt, erreicht Markus Schwander eine Erweiterung des begrenzten Mediums der Zeichnung zu einer Schlaufe ohne Anfang und Ende. Damit ist nicht nur die Allgegenwärtigkeit der Blumen und Hunde, sondern auch die Spirale der Gewalt ganz nebenbei und ohne Moral in ein prägnantes Bild gefasst.

    Erschienen in: Sturzenegger-Stiftung im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Jahresbericht / Erwerbungen 2003, Schaffhausen, S. 142 - 144.


    Literatur:
    
Bernhard Bischoff, „Beat Brogle, Ohne Titel, Markus Schwander, Dogs and Flowers“, Thun 2002.
    Samuel Herzog, „Dogs and flowers in Cape Town“, in: Jo Ractliffe & Markus Schwander, a bear a giraffe, snow, dogs, flowers and Verbotstafeln, Pro Helvetia ohne Jahr.