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  • Maja Naef 2004

    Kauen, pausen, pfropfen

    Im Werk des Baslers Markus Schwander (*1960) bilden Alltag und Gegenstände, Reste und Verbrauchtes Reserven, aus denen sich thematische Brennpunkte ergeben und die zu bestimmten künstlerischen Handlungsfolgen führen. Seit 1988 entstehen dreidimensionale Objekte und – in den letzten Jahren vermehrt – auch Zeichnungen. Die Serie Cézanne à Winterthur (2003) ist derzeit in der Tony Wuethrich Galerie in Basel zu sehen.

    Im Raum steht ein grau bemalter Holzstuhl. Darauf gesetzt ist ein rot-gelb glänzender Apfel, auf dessen lackierter Oberfläche weitere kleinere Äpfel aufgepfropft sind. Highslide JS

    Die Verwandlung I

    1999, Holz, Lack, 80 x 45 x 45 cm. Foto: Serge Hasenböhler, Basel
    Auf den ersten Blick vermittelt die 1999 entstandene Skulptur Die Verwandlung den Eindruck des Verpflanzens, des unspezifischen Vermehrens. Beim nächsten Hinsehen kann das mehrfach Aufgepfropfte als ein Verfahren des Veredelns begriffen werden. Aufpfropfen hat mit Aneignen und Annehmen zu tun. Das, was schon einmal gedacht, gemacht und dargestellt wurde, noch einmal tun, aber anders: Hinzufügen und Addieren. Stuhl und Apfel mit Äpfeln beschreibt als dreidimensionales Objekt einen skulpturalen Vorgang und kann für das 1988 beginnende künstlerische Werk von Markus Schwander als programmatisch aufgefasst werden: Dieses beschäftigt sich mit dem Zusammenbringen von Material, Assoziationen und Konnotationen; Elemente, die sich verbinden, gegenseitig überlagern und sich wieder aufbrechen. Im selben Jahr wie die Verwandlung entsteht auch die erste Kaugummi-Skulptur, von denen es inzwischen ein knappes Dutzend gibt. Highslide JS

    untitled, chewed #3

    2002, Polyurethan, 40 x 60 x 50 cm, Präsentation in der Kunsthalle Basel. Foto: Serge Hasenböhler, Basel
    Bei den meisten aus Kunststoff – und seit kurzem auch aus Beton – gegossenen Kaugummi-Objekten handelt es sich um einen Prozess des Umformens: Schwander kaut Kaugummis, als ob so das Denken in Bewegung gehalten werden könnte. Wenn die farbige Gummimasse allmählich ausbleicht und sich die Substanz verhärtet, wird der Chewing Gum ausgespuckt und im Atelier zu den anderen gelegt und als potenzielle Form archiviert. Der Kaugummi steht für einen irreduziblen Rest.

    Bei der Modellierung des Objektes und der aufwändigen Bearbeitung seiner Oberfläche kommt die Arbeit der Hände ins Spiel. Dem Greifen der Hände nach einem Gegenstand scheint das Begreifen und Verstehen eines Objekts und seiner Form analog zu sein. In der „Geste des Machens“ finden die Hände andere Formen und prägen sie weiteren Gegenständen ein. Schwander präsentiert seine dreidimensionalen Arbeiten direkt auf dem Boden, öfters aber auf Tischen oder Parkbänken wie beispielsweise in der Heimatfabrik an der Expo.02. Highslide JS

    untitled, chewed

    Installation in der „Heimatfabrik“ an der EXPO 02 in Murten. Foto: Ariel Huber, Zürich
    Stuhl, Tisch, Bank, Regal oder Kasten stellen zwischen Kunst und den Basisstrukturen des alltäglichen Lebens und Arbeitens einen Zusammenhang her, der in den einzelnen Arbeiten befragt wird. Meistens sind die Möbel bemalt, bearbeitetet und funktionslos gemacht. Oder sie dienen dem Zeigen und Präsentieren. Dann wirken sie wie das, was die Tradition des Sockels übrig gelassen hat: Die Möbel stellen Reste dar. Als solche entfalten sie ein Eigenleben, das sich einer eindeutigen Semantisierung entzieht.

    Verfahren des Hinzufügens, Addierens oder Einprägens, von denen schon die Rede war, sind auch für die seit 2001 entstehenden Zeichnungen zentral. Für die inzwischen 60 Blätter umfassende Zeichnungsserie Cézanne à Winterthur (seit 2003) verwendet Schwander eine eigens entwickelte Technik, welche die Zeichnung – entgegen ihrer gängigen Auffassung – als Medium des Indirekten versteht. Highslide JS

    Cézanne à Winterthur #50

    2004, Paustechnik mit Kohlepapier, 29,6 x 39,8 cm. Foto: Michael Fontana, Basel
    In verschiedenen Museen hat Schwander Stillleben fotografiert. Um schwarz/weiss-Kontraste zu generieren, kopiert er die Fotografien, um sie dann mit einem Kugelschreiber und Kohlepauspapier auf das weisse Blatt zu übertragen. Die blauen Striche und Linienbündel sind weniger das Ergebnis zeichnerischer Unmittelbarkeit als vielmehr Spuren eines spezifischen Verfahrens, das sich an der Freilegung von Strukturen der Vorlage abarbeitet. Durch mehrmaliges Durchpausen, Übereinanderlegen und Verschieben einer Vorlage auf demselben Zeichnungspapier wird diese sukzessive aufgezehrt. Das spezifisch Zeichnerische zeigt sich hier als Prozess des Verdichtens, Verbrauchens und wieder Freisetzens. Analog zum Kauen bei den Skulpturen kann in den Zeichnungen das Durchpausen verstanden werden. Schwanders Cézanne-Blätter exemplifizieren ein zeichnerisches Verfahren des Wiederkäuens. In ihnen vermag das Zeichnerische unterschiedliche mediale Verfahren zu absorbieren.

    erschienen in: Kunst-Bulletin 10, Oktober 2004, S. 32 – 35
    Zu Markus Schwanders skulpturalen und zeichnerischen Arbeiten