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  • Martina Papiro 2004

    Blaue Pausen

    Zeichnungen von Markus Schwander in der Galerie Tony Wuethrich Basel

    Es ist eine ungewöhnliche und sehr persönliche Galerie, durch die uns Markus Schwander mit seinen neusten Zeichnungen führt: eine virtuelle Sammlung von Früchtestilleben des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts. In der Basler Galerie Wuethrich hängen die Zeichnungen in strenger Ordnung, schwarz gerahmt, doch löst das blaue Liniengewebe der Zeichnungen diese Ordnung in Leichtigkeit auf. Highslide JS

    Cézanne à Winterthur #50

    2002, Paustechnik mit Kohlepapier, 42 x 61 cm, Foto: Beat Brogle, Berlin

    Zwischen Präsenz und Verschwinden schwebend, begegnen uns verfremdet Gemälde Cézannes, Chardins oder Largillières. Reizten die Originale mit der Schaustellung von Früchten, drapierten Vorhängen, edlen Porzellanschalen oder einfachen Wasserkrügen die Sinnesorgane, bergen ihre gezeichneten Abdrucke nur noch die Erinnerung dieser Augenlust, destilliert in feinen blauen Linien. Anlass zu diesen Zeichnungen bot zunächst die Idee, Stilleben französischer Maler aus Schweizer Sammlungen wieder nach Frankreich zu bringen, wo Schwander sie auf die Wände einer Pariser Kunstgalerie pauste. In der Serie inszeniert er eine Begegnung dieser Stilleben auf Papier und setzt sich zugleich mit der Gattung und dem Objektcharakter der Gemälde auseinander. Highslide JS

    Cézanne à Winterthur #02

    2004, Paustechnik mit Kohlepapier, , 95 x 70 cm, Foto: Michael Fontana, Basel

    Schwander lässt die Vorlagen mehrere Medienwechsel und Verfremdungen durchlaufen. Er gleicht die so unterschiedlichen Stilleben einander an, bis sie alle aus derselben blauen Linie entstanden scheinen. Die Fotografien der Gemälde werden digitalisiert, am Computer bearbeitet, auf die gewünschte Grösse skaliert, danach ausgedruckt und mit Kohlepapier auf einen Papierbogen gepaust. Auch die Titel der Zeichnungen paust er ins Blatt, etwa “# 57 Cézanne à Winterthur M. Schwander 2004, d’après Jean-Baptiste Siméon Chardin, Paul Cézanne et Gustave Courbet”, in verschiedenen Schriftsätzen, manchmal auch spiegelverkehrt. Der Titel protokolliert den Weg der Arbeit von der Malerei zur Zeichnung, von der Farbigkeit zur Monochromie, vom Einzelwerk zur Assemblage in Überblendungen und Beschneidungen, gewissenhaft mit der Angabe der Nummern und Referenzen. Das Original wird bis zu seiner Darstellung auf dem Papier mehrfach gefiltert, bis es als reduzierte diaphane Spur seiner selbst erscheint. Highslide JS

    Cézanne à Winterthur #53

    2004, Paustechnik mit Kohlepapier, , 95 x 70 cm, Foto: Michael Fontana, Basel

    Schwanders Bildauswahl, die Übertragung und Zeichentechnik verschieben Werte und Wertigkeiten. Die reich verzierten Rahmen der Gemälde verschmelzen in der Zeichnung zu einer Einheit mit den Stilleben, ja sie erscheinen deutlicher als das eigentliche Kunstwerk. Der charakteristische Malstil der einzelnen Maler ist ebenso wenig mehr auszumachen wie die Differenzierung der Oberflächen. Von der zarten Atmosphäre, die eine Erdbeerschale bei Chardin umhüllt, oder von der kräftigen Präsenz eines Apfels bei Cézanne ist nichts mehr zu spüren. Die Plastizität der dargestellten Objekte und Bilderrahmen wird durch Schwanders Zeichenstil nicht nachvollzogen, sondern eingeebnet durch das Helldunkel-Raster eines Positiv- oder Negativbilds. Die Übertragung eines Pinselstrichs in Pixel mündet in ein monochromes Liniengewirr, in einen durch die Folie distanzierten Farbauftrag. Highslide JS

    Cézanne à Winterthur #51

    2004, Paustechnik mit Kohlepapier, Ausschnitt, 95 x 70 cm, Foto: Michael Fontana, Basel
    Das Abdruckverfahren, das Helligkeitswerte aufzeichnet, liest sich als Spur sowohl der Präsenz der Bilder und ihrer Sujets als auch der zeichnenden Hand. So gelingt dem Künstler eine abstrakte Verdichtung des haptischen Scheins der Gegenstände im Stilleben. In der verklärten, ätherisch blauen Gestalt bleibt so die Be-Greifbarkeit der Bildobjekte erhalten. In der Linie, die nichts überdeckt, bewahrt jedes einzelne Bild seine Identität auch bei der Überblendung mit anderen; erst in der Zeichnung wird es durchlässig für diese Form der Begegnung.

    Gleichzeitig zur Ausstellung ist der Katalog Abdruck. Zu den Objekten und Zeichnungen von Markus Schwander erschienen. Der Katalog bietet erstmals eine umfassende Bild-Dokumentation und ein Verzeichnis der Werke des in Basel lebenden Künstlers. Installationen, Objekte und Skulpturen werden in sorgfältig ausgesuchten, ihrem Charakter gerechten Abbildungen präsentiert; die Zeichnungen sind auf einem gröberen Papier und damit beinahe in Faksimile-Qualität reproduziert. Der Abdruck ist ein zentraler Themenbereich im Werk Schwanders und Leitthema des Katalogs: Markus Schwander hat sich mit Humor und Scharfsinn in wechselnden Medien und Formen mit den Gestaltungsmöglichkeiten des Abdrucks auseinander gesetzt. Etwa in der Verarbeitung unmittelbarer Körperabdrucke wie Handlinien (“Konferenz” 1995), der Sichtbarmachung des Be-Greifens, des Gestaltens mit Händen in Arbeiten wie den “Accrochages” 1991, Highslide JS

    Accrochage

    Metall, Vinamold, 33 x 22 x 8 cm, Foto: Markus Schwander, Basel
    oder “Fassung” 1993. Highslide JS

    Accrochage

    Metall, Seife, 28 x 21 x 14 cm, Foto: Markus Schwander, Basel
    Ein spielerisches Beispiel sind die Kaugummi-Plastiken, Highslide JS

    untitled, chewed #13

    2006 Gips, bemalt, ca. 65 x 60 x 32 cm, Foto: Dominique Uldry, Bern
    die in überdimensionierter Form (“Untitled,chewed”), Highslide JS

    untitled, chewed #16

    2006 Gips, bemalt, ca. , 56 x 45 x 32 cm, Foto: Dominique Uldry, Bern
    oder als irritierende Besetzerinnen öffentlicher Bänke (“Kautsch” 2002) auftreten. Highslide JS

    Kautsch I

    2002, Gartenbank, Polyurethan, Kies, 80 x 250 x 200 cm, Foto: Serge Hasenböhler, Basel

    In den jüngsten Zeichnungen hält das Abdruckverfahren in den verschiedenen Stufen den Prozess der Aneignung und Erinnerung fest. Textbeiträge und Gespräche mit Kunsthistorikerinnen und Kuratorinnen bieten spannende Ansätze zur theoretischen Reflexion: Ausgehend vom grundlegenden Buch Georges Didi-Hubermans Ähnlichkeit und Berührung (1991) oder von Sigmund Freuds Bestimmung der Erinnerungsspuren ergeben sich ergänzende Perspektiven auf Schwanders Werk.

    Regioartline, 2004