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  • Pierre-André Lienhard 2009

    Schwanders Monde

    Modellieren, Abdrucken und Giessen sind die Grundvorgänge der traditionellen Skulptur. Markus Schwander hat diese Vorgänge zum grundlegenden Themenkreis seiner künstlerischen Arbeit gemacht, wobei sein Hauptaugenmerk deutlich dem Abdruck gilt. Wenn er sich mit den Mitteln der eigenen gestalterischen Gattung auseinandersetzt, geht es ihm dabei aber nicht um die Weiterführung einer Tradition als solche, sondern viel mehr um die Erkundung des Alltags als Lieferant von skulpturalen Gesten und Vorlagen. Der Abklatsch durch Kohlepapier, Fingerabdrücke und durchgekaute Kaugummis gehören zu den vorgefunden Techniken, die er in seinen Arbeiten weiterführt. Die ersten überdimensionierten Kaugummis liess er 1999 in Gips giessen. Mittlerweile sind sie beinahe zum Markenzeichen seiner gestalterischen Produktion geworden. Aus Beton, Kunststoff oder Bronze Highslide JS

    untitled, chewed #16

    2006, Gips, bemalt, 56 x 45 x 32 cm, Foto: Dominique Uldry, Bern
    werden sie in installativen Zusammenhängen zu Umgebungen aus dem Alltag zurückgeführt. Highslide JS

    untitled, chewed #3

    2002, Polyurethan, 40 x 60 x 50 cm, Präsentation in der Kunsthalle Basel, Foto: Serge Hasenböhler, Basel
    Über den plastischen Reiz von Form und Material hinaus interessiert Schwander das Absurde, das sowohl aus der Situation wie auch aus dem Massstabverhältnis entsteht.

    Kaugummis prägen ebenfalls die Landschaft an der Oberfläche seiner Monde. Highslide JS

    Schwanders Mond, Ausschnitt

    2006, Endurit, Steine, Sand, Kaugummis, Durchmesser ca. 30 cm, Foto: Markus Schwander, Basel
    Doch hier erscheinen sie in reduzierter Form bzw. in der Originalgrösse und –substanz neben Sand und Kies. Für die Mondbälle selbst hat Schwander das Giessen zum Modellieren gemacht. Die mit Einwirkung des Zufalls grob zusammengetragenen Gipsgüsse geben der Mondoberfläche das gewünschte Relief. Doch gerade auch diese Machart leistet ihren Beitrag zur poetischen Ausstrahlung der installativ und ortspezifisch zusammengesetzten Mondkonstellationen.

    Vor vier Jahren hing die erste Mondkugel noch als Einzelstück in der Galerie Tony Wüthrich. Highslide JS

    Schwanders Mond

    2006, Endurit, Steine, Sand Kaugummis, Durchmesser ca. 40 cm, Foto: Markus Schwander, Basel
    Dann entstand ein Mobile mit 4 Kugeln. Schwanders Monde vermehrten sich 2006 in der Villa Merkel in Esslingen zu einer ersten Installation aus grossen Kugeln. Highslide JS

    Schwanders Mond

    2006, Endurit, Steine, Sand, Kaugummis, Durchmesser ca. 45 cm, Foto: Andreas Baur, Esslingen
    Mit kleinen Kugeln, tief gehängt und dicht aneinander gereiht, bespielte Schwander anschliessend eine Vitrine im öffentlichen Raum. 2009 geht er das Motiv wieder an und verdeutlicht dabei, wie seine modular ausgerichteten Werkkomplexe neben- und ineinander wachsen. Highslide JS

    Schwanders Monde, tief gehängt

    2007, Installationsansicht im Gästezimmer, Wolhusen, Foto: Markus Schwander, Basel
    Highslide JS

    Schwanders Monde, tief gehängt

    2007, Installationsansicht im Gästezimmer, Wolhusen, Foto: Markus Schwander, Basel
    Die neuen Versionen vermischen nun die Grössen bzw. die Massstäbe und lassen einen Dachstock zum weiträumigen Planetarium werden (Kunst Raum Riehen) Highslide JS

    Schwanders Monde

    2009, Installationsansicht im Kunstraum, Riehen, Foto: Michael Fontana, Basel
    oder bilden eine als Traube verdichtete Konstellation (Art Basel). Highslide JS

    Schwanders Monde

    2009, Installationsansicht an der ART Basel, Foto: Serge Hasenböhler, Basel

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    Immer wieder interessierten sich Künstler für den Mond. Wegen seiner Leuchtkraft lieferte er über die Jahrhunderte die perfekte Projektionsfläche für religiöse Symbole, humanistische Allegorien, romantische Gemütszustände, Traumwelten, Schattenseiten, nächtliche Fantasien, nahe Ferne, bis hin zu Auseinandersetzungen mit Fortschritt, Wissenschaft und Science-Fiction. Seit seiner Eroberung durch den Menschen vor vierzig Jahren hat der Erdtrabant zwar an Anziehungskraft verloren, doch er bietet sich trotz allem oder gerade deswegen immer noch als modellhafter Kristallisationskörper menschlicher Vorstellungskraft. Heute bildet zudem die vom Menschen zurückgelegte Strecke zum Mond den geläufigeren Massstab für die Distanz zu fernen Planeten als die abstrakteren Lichtjahre.

    Schwanders Monde sind aber in der Mehrzahl und sie befassen sich nicht mit den einzelnen historisch bedingten Bildwelten, die mit dem Mond zusammenhängen. Sie nutzen vielmehr diese sowohl von sedimentierten Gedankenwelten wie auch von geologischen Narben geprägten Landschaft als die eines metaphorischen aber dennoch weiteren Lieferanten von Abdrücken. Von grösserer Tragweite dürfte jedoch die Tatsache sein, dass der Mond an sich nicht unabhängig von der Erde zu denken ist. Als Planet kreist jeder Mond im Gravitationsfeld eines Hauptplaneten. Soll man nun Schwanders Monde als um den Künstler kreisende Trabanten sehen? Werden somit der Künstler als Hauptplanet und seine Werke allgemein als Satelliten erklärt? Die Vorstellung ist verlockend aber gleichzeitig auch eindeutig zu reduzierend.

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    Zu den Grundvorgängen der traditionellen Skulptur gehört nicht nur das handwerkliche Verfahren, sondern auch das Entwerfen ab und in Modellen. Markus Schwander nimmt das Modellieren beim Wort und thematisiert in seinen Arbeiten das schöpferische Denken in Modellen. Während frühere Werke den Bezug wörtlich d.h. mittels Titel hervorriefen, manifestieren die jüngeren Arbeiten mit der Aufnahme des Kaugummi-Motivs (bzw. des Kauens als modellhafte Geste der bildhauerischen Formgebung) eine vielschichtigere aber auch explizitere Auseinandersetzung mit dem Modell. Schwander arbeitet seitdem nämlich parallel in der Vergrösserung und in der Reduzierung. Ob nun überdimensioniert im Raum stehend oder in der Originalgrösse an der Oberfläche von Objekten haftend, erweisen sich die Kaugummis nicht nur als Skulpturen bzw. plastische Gesten, sie schaffen auch den Massstab zum Betrachter – wie dies Bäume, Fahrzeuge oder Figuren in einem Architekturmodell tun – und deklarieren die somit gestaltete Umgebung als Landschaftsbild. Highslide JS

    Kautsch I

    2002, Gartenbank, Polyurethan, Kies, 80 x 250 x 200 cm. Foto: Serge Hasenböhler, Basel

    Von der ersten Berglandschaft im Jahr 2000 und ihrem grünen Belag aus dem Eisenbahnmodellbedarf Highslide JS

    Modell (Landschaft)

    2000, Papier maché, Tisch, Kaugummis, 125 x 80 x 65 cm. Foto: Serge Hasenböhler, Basel
    über die Installationen mit Kies und Bänken bis hin zu einem abstrakteren Gipsberg von 2005 sind unterschiedliche Lösungen entstanden, Highslide JS

    White Shit

    2006, Endurit, Metall, Kaugummi, ca. 140 x 120 x 70 cm, Foto: Dominique Uldry, Bern
    das allzu unmittelbar modellartig Wirkende von den entworfenen Landschaftsbildern fernzuhalten. Dennoch musste sich Schwander mit der räumlichen und somit auch konzeptuellen Endlichkeit seiner Landschaftsmodelle befassen. Beim Experimentieren mit Kugeln – eine silberne Kugel nannte der Künstler Aluplanet (58) – kam dann auch die Erkenntnis, dass sich die räumlichen Grenzen bei einem runden Modell auflösen bzw. sich in diejenigen einer Welt in sich verlagern. Mit der Wahl der Mondbälle und ihrer Abhängigkeit von anderen Planeten fügt Schwander eine neue Ebene zu seiner Beschäftigung mit Modellen hinzu, bereichert sein Werk um ein neues Denkmodell. Die Bezugnahme auf das Gravitationsprinzip ist nämlich auch als Modell für Zusammenhänge innerhalb eines schöpferischen Prozesses zu verstehen. Modelle stehen ja bekanntlich nicht alleine im Raum; sie beziehen sich auf eine Realität, die sie in verändertem Massstab verdichten oder sie liefern die Vorlage für eine Umsetzung.

    Doch die Frage nach der Bezogenheit der Mondmodelle von Schwander wartet nicht unbedingt auf eine Antwort, zumindest auf keine eindeutige. Die Tatsache dass mehrere Mondkugeln zusammenhängen, öffnet den Raum bewusst für mögliche mitschwebende Interpretationen. Selbst wenn Schwanders Monde sich im Titel auf ihren Schöpfer beziehen, ist für den Betrachter jedoch kein Hauptplanet in den begegneten Konstellationen auszumachen. Die Monde geben sich als abhängig voneinander, stehen jedoch als Mondsystem für sich. Bis der Betrachter sich selbst ins Spiel bringt, die Monde metaphorisch beleuchtet und gedanklich in Bewegung setzt.